Samstag, 23. Juni 2007

Ich will alles... und noch viel mehr...

...sagte das Jobcenter wieder mal. Mein Antrag auf den Wiedereinstieg ins Alg II wurde erstmal abgelehnt. Ich hätte ja wohl noch Geld. Stimmt soweit. Aber nicht mehr lange. Ich werde also erneut die Logik bemühen und gleich wieder einen Antrag stellen, denn den nächsten Monat kriege ich nicht mehr finanziert. Interessant wird aber erst die Frage, wann ich mal eine endgültige Meinung des Jobcenters höre (oder sagen wir der Verbindlichkeit halber besser: lese!), ob damit jetzt geklärt ist, dass ich von dem Restgeld NUR leben soll oder ob weiterhin auf zusätzliche Darlehensrückzahlung spekuliert wird.
Das wäre dann die wundersame Geschichte von der Verdoppelung des Kalifen Euro! Durch Geldteilung? Da war doch was im Biologieunterricht...

Sonntag, 17. Juni 2007

Fördern und Fordern und Fordern und Fordern...

Das Ende der Logik war erreicht, als ich im Vertrauen auf den bewilligten Bescheid des Einstiegsgeldes anfing, das vorhandene Geld auch so auszugeben, wie ich es angekündigt hatte. Denn nun mahlten im Jobcenter die Mühlen der Verwaltung. Keine Hand wusste mehr, was die andere getan hatte, viele fühlten sich mal zuständig und mal nicht, erst passierte gar nichts und dann kam der Bescheid: Das Geld aus dem Hausverkauf hätte ich zur vollen Tilgung des Darlehens aus den ersten anderthalb Jahren verwenden müssen, vom Rest möchte ich bitte schön ein weiteres halbes Jahr leben. Pardautz.
Von den Rechenfehlern und davon, dass die zur Begründung herangezogenen Bescheide längst aufgehoben waren, wollen wie hier mal gar nicht reden. Aber dass ich das längst ausgegebene Geld nun nochmal ausgeben sollte, indem ich einen Teil ans Jobcenter überweisen und vom Rest demselben vom Leib bleiben sollte, war so natürlich nicht vorgesehen.
Es folgte letzten Endes (diese Formulierung ist vorschnell, denn das Ende ist ja heute noch nicht erreicht...) ein monatelanges Hin- und Herschieben meiner Akte von Hierarchie-Ebene zu Hierarchie-Ebene, zwischen Leistungsabteilung und Vermittlerinnen... Der Berg kreißte also und gebiert gerade ein Mäuschen. Die Wehen sind noch im Gange. Ich werde das Tierchen hier vorstellen, wenns raus ist:)
Nur soviel schon jetzt: Es deutet sich zur Zeit eine gewisse Einsicht des Jobcenters an, dass man Geld nur einmal ausgeben kann. Bleibt nur noch die Frage - wofür...

Woher kam eigentlich das Kapital?

Im Geschäftsplan standen natürlich auch die Investitionen, die ein neues Geschäft mit sich bringt. Als größte Ausgaben hatte ich den Hartzer Roller selbst (ein italienisches Dreirad), den dazugehörigen Führerschein, Computer, Beamer und einiges an Werbematerial veranschlagt.
Die einigen Tausend Euro, die ich als Einstiegskapital benötigte, hatte ich aus dem Verkauf eines Hauses, das mir schon vor der Einführung von Hartz IV zum Teil gehörte. Als Eigentum einer Erbengemeinschaft konnte es zunächst nicht verkauft werden, weshalb ich anderthalb Jahre mein Alg II als Darlehen erhielt. Das übliche Prozedere sieht dann vor, dass bei Verwertbarkeit (also hier beim Verkauf) des Hauses der Erlös, der über den Vermögensfreibeträgen liegt, zur Rückzahlung eines solchen Darlehens verwendet werden muss. Bleibt danach immer noch was übrig, fällt man eine Weile aus dem Bezug. Und siehe da, mein Vermögen verwandelte sich zeitlich passend von einem Teilhaus in Geld...
Um dieses Geld für mein neues Beratungsgeschäft nutzen zu können, berief ich mich auf einen Passus der Alg-II-Verordnung, der besagt, dass Vermögen, dass zum Aufbau oder Erhalt einer Erwerbstätigkeit notwendig ist, nicht zum Leben oder zur Darlehenstilgung eingesetzt werden muss. Das war ja nun hier der Fall. Außerdem hatte ich es auch noch ausdrücklich im Antrag auf Einstiegsgeld so benannt.
Logisch wäre jetzt, dass alle Beteiligten 1 und 1 zusammengezählt hätten und der Roller seinen Lauf genommen hätte. Aber dann wäre dieser Blog ja ziemlich langweilig:)

Wieviel braucht man denn nun zum Leben ohne Alg II?

Wenn ich mich ganz selbst finanzieren sollte, dann musste ich erstmal rauskriegen, wieviel ich denn dazu verdienen muss. Dass es nicht reichen würde, so viel einzunehmen, dass damit mein errechneter Bedarf gedeckt ist, war mir ja klar, aber in Zahlen hatte ich das noch nie gekleidet.
Also Zettel genommen und rückwärts gerechnet. Ich musste auf Einnahmen kommen, die unter Abzug aller Ausgaben und Freibeträge im Einklang mit dem Steuerrecht so viel übrig ließen, dass ich keinen Anspruch auf Leistungen des Jobcenters mehr hätte. Dann wollen wir mal...

Mein Bedarf lag bei etwa 770 Euro. Ich konnte also davon ausgehen, dass ich bestimmt so viel einnehmen musste, dass ich alle Freibeträge für Erwerbstätige ausschöpfen würde. In meinem Fall waren das schon mal 280 Euro, die gar nicht erst berechnet würden. Mein Reingewinn müsste also bei mindestens 1050 Euro liegen.
Ausgaben würden zwar am Anfang, aber auf Dauer nicht so umfangreich anfallen. Ich nahm also mal die Ausgabenpauschale von 20 % zum Maßstab. Damit hätte ich Mindesteinnahmen von gut 1300 Euro benötigt.
Zusätzlich müsste ich mich dann natürlich selbst krankenversichern, denn ohne Alg II keine Krankenversicherung auf Jobcenterkosten. Schwupps war ich auf fast 1600 Euro monaltichen Einnahmen.
Jetzt brauchte ich keinen Taschenrechner mehr, um festzustellen, dass ich damit nicht mehr als Kleinunternehmer die Mehrwertsteuer umgehen kann. Also müsste ich auf alle veranschlagten Preise noch 19 % draufschlagen.
Ergebnis: erst bei regelmäßig monatlich 1900 Euro Einnahmen könnte ich dem Jobcenter ade sagen! Bis dahin bliebe immer noch ein Restanspruch...

Realistisch oder optimistisch? Der Antrag auf Einstiegsgeld.

Um Einstiegsgeld zu bekommen, also den halben Regelsatz auf sechs Monate und somit insgesamt rund 1000 Euro, musste ich einen Geschäftsplan einreichen. Die Schwierigkeit bestand nun darin, meinen angeborenen Realitätssinn mit den Anforderungen an eine Förderung zu vereinbaren. Ich entschied mich erstmal für die Variante "realistisch".
Heraus kam ein Plan, nachdem ich wundervolle Arbeit machen würde, die allerdings auf absehbare Zeit keinen wirklichen Gewinn abwerfen würde. Immerhin traute ich mir zu, irgendwann wenigstens einen Teil meines Lebensunterhalts zu bestreiten, indem ich einerseits tatsächlich die eine oder andere Schulung verkaufen würde und andererseits - nachdem ich mich auf dem Hartz-IV-Berater-Markt als feste Größe etabliert haben würde - womöglich die eine oder andere SponsorIn fände.

Der Plan ging nicht auf. Meine Position, dass es besser ist, wenigstens einen Teil meines Bedarfs zu decken, als gar nichts zu haben, würde offenbar eine Ablehnung meines Antrags auf Einstiegsgeld nach sich ziehen. Meine Vermittlerin forderte mich unmissverständlich auf, das Vorhaben "optimistischer" zu beschreiben. Im Klartext musste ich meine zukünftigen Erträge in Höhen beschreiben, die für das komplette Ausscheiden aus dem Bezug von Alg II reichten...

Was hat das Jobcenter überhaupt damit zu tun?

Eine gute Frage. Nachdem ich von 2004 bis 2006 beim Arbeitslosenverband als angestellter Berater gearbeitet hatte, flossen dort keine Projektmittel mehr, mit denen der Verband mich hätte bezahlen können oder wollen. Als ich bei meinem Jobcenter in Lichtenberg fragte, ob es vielleicht ein ähnliches Arbeitsumfeld für mich geben könnte, war ich eher überrascht, dass meine Vermittlerin mir zur Selbständigkeit als Hartz-IV-Berater riet. Interessant, meinte ich, aber doch wohl nicht wirklich lukrativ. Aus meiner Beratungserfahrung hatte ich wohl schon gehört, dass die Jobcenter Selbständigkeiten in Frage stellten und Selbständige zur Aufgabe "nicht lohnender" Geschäfte drängten.
Ich sollte also in Ermangelung anderer Perspektiven ein Beratungsunternehmen gründen, das auf kostenlosen Dienstleistungen aufbaut. Und auch eine Förderung mit Einstiegsgeld wurde mir in Aussicht gestellt. Also dachte ich mir: Frisch ans Werk, die Idee vom Hartzer Roller, der knatternd durch die Stadt zieht und vor Ort berät, hatte ich ja schon mal während meines Angestelltenlebens beim Arbeitslosenverband leise ausgesprochen und dafür amüsiertes Lächeln geerntet. Das musste doch auch anders gehen!