Mittwoch, 17. Dezember 2008

Meine erste EV!

Nach vier Jahren Arbeitslosengeld II habe ich heute endlich meine erste Eingliederungsvereinbarung bekommen. Jetzt überlege ich, was ich dem Jobcenter aus Dankbarkeit zu Weihnachten schenken könnte. Denn darin heißt es in dem Absatz über die Bemühungen des Jobcenters, dass es mich für die nächsten sechs Monate von der Verpflichtung befreit, jede zumutbare Arbeit aufzunehmen, um mir die Fortsetzung meiner Arbeit als Sozialberater zu ermöglichen. So läuft das zwar auch ohne EV schon seit zwei Jahren, aber man kann es ja mal aufschreiben. Interessanterweise soll einem damit wohl das Gefühl vermittelt werden, dass man als Selbständiger quasi immer "auf Probe" unter Beobachtung des Centers arbeiten "darf". Unterstrichen wurde das durch die lustige Ankündigung, dass bei allen Selbständigen nach zwei Jahren ausbleibender Bedarfsdeckung ein Existenzgründungsseminar eingeschoben werden soll. Zwar sagte meine Arbeitsvermittlerin heute, dass das in meinem Fall vielleicht etwas seltsam sei, da müsse man dann mal sehen, aber grundsätzlich soll offenbar allen Selbständigen in Zukunft noch mehr auf die Finger geschaut werden. Wenn nach zwei Jahren ein echtes Zwischencoaching bezahlt würde, das dann auch von fähigen Trainern abgehalten wird, wäre diese Variante ja durchaus sinnvoll. Warten wir es ab.
Insgesamt lief es diesmal vorweihnachtlich-stressfreier ab als beim letzten Mal. Aber jetzt will ich ja auch kein Einstiegsgeld mehr :)

Freitag, 7. November 2008

Von England lernen...

... heißt Siegen lernen, was sonst. Deshalb kann ich nicht umhin, den geschätzten Jobcenter-Textbaustein-ErfinderInnen ans Herz zu legen, was jüngst eine britische Behörde auf eine BürgerInnenanfrage antwortete. An Klarheit und Wahrheit nicht zu überbieten ist nämlich dies:

"Wir sind im Augenblick dabei, zu prüfen, ob es im öffentlichen Interesse liegt, ihnen mitzuteilen, ob wir die Informationen haben, die Sie erbitten, und ob es, sollte das der Fall sein, im öffentlichen Interesse liegt, Ihnen diese Informationen zur Verfügung zu stellen."

Donnerstag, 16. Oktober 2008

Zwei feine Kerle

Ja, wirklich ein feiner Kerl, dieser Herr Ackermann. Nicht dass ich ihn wie der Linken-Präsidentenkandidat Sodann verhaften und einsperren möchte, ganz im Gegenteil. Heute hat er erstens beschlossen, seine bewährte Arbeitskraft weiter wirken zu lassen ("unter diesen Umständen glaube ich, dass wir unsere Kundeninteressen am besten vertreten können, wenn wir auf unseren Posten bleiben"). Da mache ich schon mal mit, denn natürlich gilt diese Aussage unumschränkt auch für den Hartzer Roller. Wichtiger aber noch: Er ließ verlautbaren, dass der Vorstand seiner Bank in diesem Jahr auf seine Bonuszahlungen verzichtet (im letzten Jahr gab es hier 33,2 Millionen Euro!).

Und jetzt kommt der Hammer: Der Hartzer Roller solidarisiert sich an dieser Stelle ausdrücklich mit Ackermann und den Vorständen und verzichtet EBENFALLS auf Bonuszahlungen in Höhe von 33,2 Millionen Euro! Das nehm ich auf mich. Es ist mir ein mindestens nationales Anliegen.

Auch wenn ich dadurch womöglich Schwierigkeiten bekomme, mich mit dem zweiten feinen Kerl des Tages zu solidarisieren. Sigmar Gabriel ist nämlich mein zweiter Held für heute. Er möchte Energiesparkühlschränke unter die Hartz-IV-EmpfängerInnen bringen. Dazu schlägt er vor, pro 500-Euro-Kühlschrank 150 Euro zuzuschießen. Macht also einen schlappen Eigenanteil von 350 Euro, die er als Darlehen zur Verfügung stellt, das man vom eingesparten Strom ja zurückzahlen kann...

351 Euro sind zwar ein Hartz-IV-Single-Monatsgehalt, aber das wird Sigmar sich schon überlegt haben. Am besten kehrt man ja vor der eigenen Tür und gibt ein Beispiel. Laut eigener Homepage verfügt Sigmar monatlich netto über 10,056 Euro. Die kostenfreie Pauschale geht ja so drauf und wir lassen sie mal weg (quasi Peanuts im Vergleich zu den Boni, auf die allein ICH dieses Jahr verzichte...). Da Sigmar weder Alg II noch Wohngeld bekommt, müssen wir die Miete vom Gehalt abziehen (sagen wir mal die angemessenen 705 Euro für einen Verheirateten mit drei Kindern, das sind wohl die Familienverhältnisse) und haben eine monatlich verfügbare Summe von rund 9350 Euro. Das wäre also der vergleichbare Preis, den Sigmar gern für einen Ökokühlschrank aufwenden würde. Hieße also vergleichbar für Sigmar:

Er nimmt ein Darlehen von 9350 Euro auf, kauft davon einen Kühlschrank für 9500 Euro und zahlt das Darlehen zurück, indem er Strom spart. Also ich glaube, das hat er sich genau so überlegt. Sagen Sie was Sie wollen: Ein feiner Kerl!

Mittwoch, 15. Oktober 2008

Grün ist die Hoffnung...

...dass man den Blog jetzt besser lesen kann. Ich hatte Beschwerden, dass die weiße Schrift auf dem tiefen Schwarz bei vielen BesucherInnen komische Ringe auf den Augen verursachte. Das wollte ich dann doch nicht. Deshalb im Block jetzt die vollkommene farbliche Augenberuhigung :)

Sonntag, 24. August 2008

Lieber Fernsehboulevard, bitte nicht böse sein!

Natürlich freue ich mich, wenn die Arbeit des Hartzer Rollers Menschen hilft und sich deshalb herumspricht. Nach Erwähnungen in der lokalen Presse, die als hauptstädtische Presse natürlich weite Verbreitung findet, kommt es immer wieder zu Anrufen aus den Boulevardabteilungen der Privatfernsehsender. So wollte SAT1 mich mal dabei begleiten, wenn ich für "Akte07" oder 08 eine unter Umständen wirklich furchtbar vom Jobcenter betrogene Frau besuche und sie rette. Leider hätte ich meine Arbeitsweise dafür ziemlich doll den Anforderungen einer SAT1-Sendung anpassen müssen. Es hätte also mit meiner Realität nichts mehr zu tun gehabt, vielmehr wäre es ein einziger Fake geworden. Mein Angebot, dass die Betroffene gern ohne Kamera zu mir kommen könne, wo ich sie dann ganz normal wie alle anderen berate, fand irgendwie keinen Anklang...

Nach dem Artikel in der Berliner Zeitung war jetzt RTL am schnellsten. Die Redaktion von explosiv und den Punkt-Sendungen (Punkt12, Punkt1, Punkt2 oder so ähnlich) wollte mich bei der Arbeit begleiten. Aktuelle explosiv-Themen sind laut Internet "Mein Kind vermasselt jedes Date", "Junger Mann mit älterer Partnerin", "Betrogen von der besten Freundin", "Deutschlands faulster Mann" und Vergleichbares...

Selbstverständlich respektiere ich die schwere Arbeit der Redaktionen des Fernsehboulevards. Aber die Beratungen des Hartzer Rollers sind aus grundsätzlichen Erwägungen heraus nicht zur filmischen Begleitung geeignet. Die Journalistin der Berliner Zeitung durfte mit ausdrücklicher Erlaubnis der zu beratenden Person bei einem Beratungsgespräch zuhören.

Neben der Zustimmung der Betroffenen auf der anderen Seite des Beratungstischs bedarf es hier aber auch eines guten Gefühls auf meiner Seite. Und dazu kann ich sagen, dass es eine Filmkamera während einer Beratung beim Hartzer Roller niemals geben wird. Ein "realistischer" Bericht müsste in diesen Passagen also immer gefälscht und gestellt sein. Dafür aber bin ich nicht der Geeignete.

Ich ordne das Interesse aus dieser Richtung im positiven Sinne als Wertschätzung ein, möchte die entsprechenden Medien aber bitten, mein Desinteresse an solchen Sendungen zu respektieren.

Samstag, 23. August 2008

Roller-Presse



Keine Angst, nicht schon wieder ein ein Dreiradunglück, bei dem der Roller in eine Presse geraten wäre. Ich hatte nur eine Presseanfrage der Berliner Zeitung, der ich auch mit Freude nachgekommen bin. Vorweg: die Journalistin hat sich einige Zeit genommen, lange mit mir gesprochen und durfte sogar bei einer Beratung kiebitzen. Deshalb nehme ich das Ergebnis auch eher als "gute Presse". Lediglich zwei nun veröffentlichte Textstellen möchte ich im Sinne meines Selbstverständnissen korrigieren. Und dies auch nur, weil sie als Zitate auftauchten und so nicht gesagt wurden oder jemals werden.

Das erste war im Bezug auf Beratung im Jobcenter der Satz "Dafür hat man in so einem überlasteten Jobcenter keine Zeit." Gesagt hatte ich vielmehr "Die werden sich nicht ganz ohne Berechtigung darauf berufen, dass sie keine Zeit haben zu beraten, aber sie sind natürlich zur Beratung verpflichtet."
Und beim zweiten sieht man sehr schön die Macht des Satzbaus: "Es passieren immer noch Fehler, aber schon viel weniger als früher." Hier kann ich nur mantraartig wiederholen: "Es passieren zwar schon weniger Fehler als am Anfang, aber natürlich immer noch viel zu viele!"

Diese zwei "Zitate" bedeuten nicht die Welt, sollten aber doch richtiggestellt werden, denn ganz so ausgeprägt ist mein Verständnis für die Jobcenter ja nun auch nicht. Interessanterweise untersagt die Berliner Zeitung ihren JournalistInnen offenbar, die Texte vorab den Interviewten zum Gegenlesen vorzulegen. So hieß es jedenfalls auf meine Frage, ob ich nicht besser nochmal gegenlesen soll. Damit hätten solche Unklarheiten vorab vermieden werden können... Aber egal, jetzt ist Wochenende:)

Freitag, 8. August 2008

Aber nicht alles ist schlecht!


Da ich nicht nur meckern will, sollen auch alle daran teilhaben, dass die Knatter ebenso schöne Tage hat. Wie z.B. mal eine Landpartie in den Oderbruch, bei der eine Besprechung mit KollegInnen ohne Stadtstress erfolgen konnte...

Assis am Werk



Leider ist auch der Hartzer Roller nicht davor gefeit, dass Bekloppte meinen, sich daran austoben zu müssen. Gestern nacht wurde die Kleine umgekippt und lag in ihrem eigenen Öl... Glücklicherweise ist sie zwar einseitig ramponiert, aber noch fahrtüchtig.

Donnerstag, 7. August 2008

Da hilft kein Jammern?

Ich hatte es ja angedeutet. Die Entscheidung über das vierte und letzte Halbjahr Einstiegsgeld für die famose Idee einer mobilen Sozialberatung sollte kein einfaches Unterfangen werden. Die gleiche Mitarbeiterin, der ich schon neulich mein ganzes Leben erklären musste, sollte nun also doch die Entscheiderin über mein Geld bleiben. Sie hatte ja schon durch Wort, Tat und Gesichtsausdruck sehr unmissverständlich klar gemacht, dass sie die Meinung ihrer Bearbeitungsvorgängerinnen so gar nicht teilt. Beim Telefonanruf vor ein paar Wochen dann kam noch der Tonfall als Stilmittel dazu. Wie immer um äußerste Freundlichkeit bemüht fragte ich, was sie denn noch zur Entscheidung bräuchte. Sie zählte mir daraufhin einige Unterlagen auf, die ich sämtlich schon mal beim Jobcenter eingereicht hatte. Ja, sie sei aber eben nicht bereit, diese zu suchen, weshalb ich das schon nochmal schicken müsse. Im übrigen werde sie meinen Antrag aber ganz unabhängig von den Unterlagen auf jeden Fall ablehnen.
Warum sie dafür noch einen Stapel Papier benötige, fragte ich zurück. Das sei nun mal so, bemerkte sie lapidar.

In diesem Moment war ich kurz davor, die Sache einfach auf sich beruhen zu lassen und Einstiegsgeld Einstiegsgeld sein zu lassen. Mein Seelenfrieden schien mir wertvoller. Aber einmal darüber geschlafen erwachte mein Prinzipiengeist, und ich schrieb an die Leiterin des Jobcenters Lichtenberg, Hannelore Mouton. Natürlich wisse ich, dass ich Einstiegsgeld nicht einfordern könne, weil es eine Ermessensentscheidung ist. Aber Ermessen sehe ja wohl auch nicht so aus, dass eine Sachbearbeiterin schon VOR Einsicht in die Unterlagen entscheide, alles abzulehnen. Auch könne ich nicht nachvollziehen, dass mir dreimal ohne weitere Nachfragen das Einstiegsgeld gewährt wurde, obwohl ich nie einen nenenswerten wirtschaftlichen Erfolg vorweisen konnte, um es jetzt, da der Roller zum ersten Mal klitzekleine schwarze Zahlen schreibt, den Hahn zuzudrehen. Darüber hinaus erinnerte ich daran, dass ja schließlich von vornherein allen Beteiligten klar sein musste (siehe auch meine älteren Posts in diesem Blog...), dass vom Roller keiner ganz und gar leben kann. Immer nur auf Zahlen zu starren und das wirkliche Leben des Betroffenen auszublenden, könne ja wohl nicht die Politik des Jobcenters sein.
Was soll ich sagen - Jammern hilft manchmal eben doch. Es kam zumindest bei der Leiterin zu einem Einsehen. Und sie hat ihre Einstiegsgeldabteilung offenbar dazu verdonnert, nochmal zu bewilligen. Jetzt kann sich das Jobcenter Lichtenberg rühmen, mich tatsächlich bis zum Äußersten unterstützt zu haben:)

Für mich und den Hartzer Roller ist das eine letzten Endes schöne Wendung. Allerdings war der Weg dorthin so steinig, dass ich mir gut vorstellen kann, wie man bei solchen Gegenübern irgendwann die Segel streicht. Hätte ich ja auch fast. Deshalb: Nehmen wir es als Ermutigung, die eigene Sache nicht aufzugeben, bis wirklich alle Register gezogen sind. Und auch, wo man nicht klagen kann, kann man wenigstens argumentieren. Ich weiß, dass es oft nicht klappt. Aber ich sehe auch abseits von meinem Fall immer wieder, DASS es manchmal was bringen kann.

Sonntag, 20. Juli 2008

Hochspezialisiertes Personal

Es ist eine Weile her, dass ich hier ein Realtime-Erlebnis aus dem Center berichtet habe, aber von dem vor gut einem Monat musste ich mich erstmal erholen. Verschweigen will ich es dennoch nicht. Es begab sich also zu der Zeit...

...dass mein Bewilligungszeitraum (BWZ) auslief. Vielleicht hatte ich bisher zu viel Glück, vielleicht wollte ich es auch herausfordern, jedenfalls stellte ich den Antrag auf Fortzahlung erst etwa drei Wochen vor dem Ablauf des BWZ. Konnte ja nicht gut gehen. Also wartete ich erstmal eine Weile, wurde dann langsam unsicher, ob es eine gute Idee war, so lange zu warten und bekam schließlich ein paar Tage vor dem neuen BWZ einen Brief vom JobCenter. Misstrauisch befühlte ich ihn noch am Briefkasten. Für einen Bescheid war er zu dünn. Aufgerissen und bestätigt: Es war eine Einladung zum Gespräch. Der Brief kam Freitags an, das Gespräch sollte Montag sein. Thema des Gesprächs wäre demnach meine Anlage EKS gewesen, die es zu interpretieren galt. Im Einzelnen meine KFZ-Kosten, meine Ausgaben für Fortbildung/Fachliteratur und meine Telefonkosten.
Ich dachte zwar, dass ich mein Gewerbe eindeutig und verständlich in Vorschauzahlen für die nächsten sechs Monate gegossen hatte, aber nun denn. Montags machte ich mich auf zur Entscheidungszentrale und saß kurz vor 15 Uhr allein auf einem entvölkerten Flur. Punkt 15 Uhr näherte sich eine Gruppe von etwa acht Damen offenbar aus der Mittags- oder Kaffeepause. Sie blieben noch ein paar Minuten entfernt stehen, besprachen alles, was nicht in die Pause gepasst hatte und verteilten sich dann grußlos an mir vorbei auf die Zimmer des Flurs. Eine steckte aber nochmal den Kopf raus, denn ich saß irgendwie vor ihrem Zimmer. "Ja bitte?"
Ich erfuhr, dass meine Sachbearbeiterin es einerseits geschafft hatte, mir vor dem Wochenende noch eine Einladung zu schicken, dass sie danach aber sofort erkrankt war. Nun war Montag und nicht absehbar, wann sie ihre Krankheit würde überwunden haben. Also musste die Jabittedame meinen Fall bearbeiten. In den nächsten 15 Minuten wurde ich unfreiwilliger Zeuge des Versuchs, den PC-Kalender meiner Sachbearbeiterin durch ihre Vertretung öffnen zu lassen. Ich erfuhr auch, dass ich als Selbständiger jetzt offenbar in einer Spezialabteilung für Selbständige bearbeitet wurde. Die Damen auf dem Flur waren offenbar Spezialistinnen für Selbständige. Auf jeden Fall aber hatten sie anscheinend viel mit Selbständigen zu tun, um nicht zu sagen, die Nase bereits voll. Ausrufe wie "Diese blöden Selbständigen!", "Wer will DAS Formular denn nun schon wieder haben?" oder "Und wie komme ich jetzt in MEINEN Kalender zurück?" erfüllten die klare Luft des Flures. Und die Damen wechselten die Zimmer, riefen sich gegenseitig zu und an, kurz und gut, irgendwann hieß es: "Wenn Sie bitte reinkommen...".

Die Dame, deren Namen ich hier pietätvoll verschweige, ließ mich erstmal wissen, dass sie hier und heute gar nichts entscheiden könne. Ich wies deshalb darauf hin, dass es sich um meine laufende Leistung handelt und ich in einer Woche Miete zahlen müsse. Vielleicht könnten wir uns ja mit der mir geschickten Einladung ans Thema heranpirschen. Da stehe ja gar nichts drin, sagte sie. Aber ich konnte sie erfolgreich auf die zweite Seite der Einladung locken, wo sehr wohl drinstand, worum es gehen sollte. Dergestalt in die Bearbeitungsfalle gelockt, meinte sie, "Dann muss ich erstmal wissen, was Sie überhaupt machen. Diese Zahlen hier, also Sie verdienen ja so gut wie nichts. Ich weiß gar nicht, ob ich das so durchgehen lassen kann." Ich verwies auf den Umstand, dass ihr Center mich seit anderthalb Jahren mit Einstiegsgeld ermuntert, mein bemitleidenswertes Gewerbe aufrecht zu erhalten. "Seit anderthalb Jahren? Das kann ja gar nicht sein. Wir genehmigen ja IMMER nur ein Jahr. Höchstens!"
Die Realität sprach an dieser Stelle für mich, denn ich stand ja kurz vor dem Antrag auf ein viertes Halbjahr Einstiegsgeld. In diesem Moment hatte ich aber dennoch ein komisches Gefühl. Ich saß mit einer mir völlig unbekannten Dame am Tisch, die offenbar gerade die mir gegenüber praktizierte Jobcenterpolitik der letzten Jahre aus dem Bauchgefühl des Moments heraus infrage stellen wollte. Das klingt niemals schön...
Also antwortete ich: "Sie werden es nicht für möglich halten, aber ich bin Hartz-IV-Berater." Das unterbrach ihren Entscheidungsdrang genau für so lange, dass ich gleich noch nachschieben konnte, ich sei schwerbehindert, könne nur 20 Stunden arbeiten, und meine Arbeitsvermittlerin Frau D.Z. habe mit mir quasi ein gentlemen's agreement geschlossen, nachdem ich einfach versuche, so viel wie möglich einzunehmen, aber beide Seiten wissen, dass ich davon nicht meinen Bedarf werde decken können. "Die D. erwürg ich!" sagte sie im Eifer des ersten Moments, dann aber: "Wenn Sie dann nochmal draußen Platz nehmen?"

Nahm ich. Sie kam zurück und sagte zu mir, dass meine Version wohl durch irgendwas oder irgendwen eine Bestätigung gefunden hatte. Deshalb könne sie verantworten, dass ich meine Bedürftigkeit wenigstens mindere. Andernfalls hatte sie wohl vor, mich sofort zu Bewerbungen aufzufordern und den Hartzer Roller sein zu lassen. Wir konnten also ins Detail gehen...
Danach war nun gar nicht mehr strittig, dass ich die Hälfte meiner Telefonflatrate abrechne. Bei den Fahrtkosten wollte sie von mir ein Fahrtenbuch haben. Ein kurzer Ausflug meinerseits in die hausinternen Durchführungsanordnungen ließ sie allerdings den Unterschied zwischen einem betrieblich genutzten Privat-KFZ und einem privat genutzten Betriebs-KFZ verstehen. Allerdings wollte sie mir jetzt nicht mehr glauben, dass mein Roller ein Betriebs-KFZ ist. Das müsse ja in den Fahrzeugpapieren eingetragen sein. Ja, richtig gelesen, sie glaubte, dass das in die Papiere kommt. Glücklicherweise hatte ich ALLE Papiere dabei, die es für ein Piaggio-Dreirad gibt. Nämlich den einen DIN-A-4-Zettel mit der Betriebserlaubnis. "Das ist ja alles italienisch!" erschrak sie. Ja, kann ich auch nicht ändern. Wir vereinbarten, dass ich mir vom Finanzamt bestätigen lasse, dass das Dreirad zum Betriebsvermögen gehört. Ich habe zwar den Kauf selbst im Urantrag auf Einstiegsgeld drin gehabt und 2007 jeden Monat die Abschreibung für den Kaufpreis abgerechnet, aber sie wollte es nicht glauben. (Diese Sache ist noch in der Mache, meine Bearbeiterin beim Finanzamt will mir jetzt eine Bestätigung schicken. Dazu muss ich der aber erst mitteilen, was mein Betriebsvermögen ist, weil die sich dafür noch nie interessiert hat...)

Schließlich noch der kleine Machtbeweis: Meine voraussichtlichen Ausgaben von zweimal 15 Euro für zwei eventuell notwendige Leitfäden als Handapparat wurden für die vorläufige Berechnung gestrichen. Das könne man alles auch im Internet nachlesen. Potzblitz. Ich kommentierte das nicht. Sollte ich tatsächlich einen Leitfaden kaufen, gebe ich ihn selbstredend als Ausgabe an und klage zur Not wieder von Pontius zu Pilatus.

Ein paar Tage später kam wieder ein Brief. Verdammt, wieder zu dünn für einen Bescheid! Jetzt wollten sie die Betriebskostenabrechnung meiner Wohnung für 2007. Ich schrieb zurück, dass ich die natürlich sofort schicke, wenn ich sie habe. Voraussichtlich im nächsten Dezember! Das muss dann irgendwie gereicht haben, denn ein paar Tage später bekam ich zwar wieder nicht den Bescheid, aber immerhin die Sanktionsandrohung für den Fall, dass ich nicht bis Februar 2009 die endgültige Berechnung zum Center schicke. Und schon Mitte Juli dann den Bescheid und auch das Juligeld.

Mein Antrag auf Einstiegsgeld wird noch bearbeitet.

Tja, unbezahltes Praktikum für den Berater. So kommt man auf keinen Fall aus der Übung. Wenn ich allerdings bedenke, dass selbst ich mit einigem Fachwissen im Rücken und einer im Grunde stoischen Natur an mehreren Stellen dieser Routinebearbeitung an mich halten musste, um nicht meinen wahren Empfindungen Raum zu geben, dann kann ich mir schon vorstellen, wie sich andere JobCenterKundInnen fühlen, wenn sie mit solcher Art Fachpersonal konfrontiert sind. Herr Scholz, Herr Weise, können Sie sich so etwas auch nur im Entferntesten vorstellen?

Sonntag, 8. Juni 2008

Und nun die Antwort des Senators

Am Wochenende kam die Antwort des Finanzsenators auf meinen offenen Brief. Er schreibt folgendes:

... herzlichen Dank für Ihr Schreiben. Wie Sie richtig ausführen, habe ich untersuchen lassen, ob der im Regelsatz enthaltene rechnerische Anteil für Lebensmittel eine gesunde und abwechlungsreiche Ernährung zulässt. Mein Ausgangspunkt war dabei die vielfach erhobene Behauptung, der Bezug von Leistungen nach dem SGB II und eine gesunde Ernährung schlössen sich aus. Diese Behauptung konnte ich im Ergebnis widerlegen.
Nun habe ich allerdings nicht vor, solche Untersuchungen auf für andere Bereich des Regelsatzes durchzuführen, weil ich das nicht für notwendig erachte. Der Eckregelsatz wird aus den statistischen Daten der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe entwickelt und dabei aus dem tatsächlichen Konsumverhalten des relativ geringverdienenden Teils der Bevölkerung (ohne Transfereinkommensbezieher) abgeleitet.
Ihre Ableitung der Kosten für die Energieversorgung einer bescheidenen Ausstattung mit Elektrogeräten erscheint mir durchaus schlüssig. Aber: in die Berechnung der Regelsätze nach dem oben genannten Prinzip gehen die tatsächlichen Ausgaben ein - und zwar jene eines relevanten Anteils der Bevölkerung, der nicht von Sozialleistungen, aber auf Grund seiner Einkommenssituation ebenfalls in bescheidenen Verhältnissen lebt. Die Entwicklung der Preise, auch jener für Energie, wird bei den regelmäßigen Überprüfungen und Neufestsetzungen der Regelsätze berücksichtigt.
Meines Erachtens darf der Regelsatz von dem tatsächlichen Ausgabeverhalten dieses Teils der Bevölkerung auch nicht entkoppelt werden, weil die Transferleistungsbezieher ansonsten besser gestellt würden als Erwerbstätige in den unteren Lohn- und Gehaltsgruppen. Aus diesem Grunde halte ich auch eine generelle Übernahme von Energiekosten ungeachtet ihrer Höhe nicht für angemessen.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Thilo Sarrazin

Da haben wir aber Gesprächsbedarf!
1. Wenn es überhaupt nicht nötig ist, die einzelnen Bedarfsposten des Regelsatzes auf ihre Alltagstauglichkeit zu überprüfen, warum haben Sie es dann beim Essen gemacht? Eine konsequente Haltung wäre gewesen, bereits damals zu sagen: Das ist mir egal! So haben Sie offenbar mit ihrem Wurstest nur eine relativ leicht zu habende Schlagzeile angestrebt. Und das hat zwar geklappt, sollte aber eigentlich unter Ihrem Niveau sein...
2. Mich würde interessieren, wo die Grenze zwischen "unteren Lohngruppen" und Transferleistungsbeziehern aktuell liegt. In meiner Beratungspraxis gewinne ich vielmehr den Eindruck, dass die Zugehörigkeit zur unteren Lohngruppe zeitgleich die Eintrittskarte in den Hartz-IV-Bezug ist. Denn mit so einem "unteren" Lohn kann heute kaum noch jemand sein Leben bezahlen.
3. Wenn die Entwicklung der Preise bei der Neufestsetzung der Regelsätze berücksichtigt wird, dann wäre ein Nachrechnen der bisher erfolgten ZWEI Erhöhungen natürlich interessant. Letzten Sommer ging es beim Eckregelsatz von 345 auf 347, dieses Jahr von 347 auf 351 Euro rauf. Macht seit 2005 zusammen 6 Euro. Bei den momentanen Schlagzeilen über Gaspreis-Erhöhungen von erstmal 25, später dann nochmal 40 Prozent müsste der Eckregelsatz ja ganz schön hochschnellen... Aber vergessen wir nicht, dass es in der Praxis doch eher so rum funktioniert, dass der Regelsatz festgesetzt wird und dann die "Warenkorb-Anteile" eben irgendwie reinzupassen haben...
4. Entscheidend für Sie ist offenbar aber gar nicht, dass das Geld reicht, sondern dass der "Lohnabstand" eingehalten wird. Da finden Sie wieder zu alter Form, indem sie Bodenloses gelassen aussprechen. Ob man in seiner Wohnung Lebensmittel kühlen, Wäsche waschen und mal Licht anmachen kann, ist eigentlich egal, hauptsache man hat weniger auf dem Girokonto als ein Geringverdiener ohne Hartz IV (dazu siehe auch 2.).
5. Und das ist im Grunde das Interessanteste. Sie sind explizit gegen die volle Übernahme von vollen Stromkosten. Grund dafür ist das oben genannte Lohnabstandsgebot. Warum aber sind sie dann auch hier nicht konsequent und treten für eine Mietpauschale ein, mit der dann jeder selbst entscheiden kann, aus welcher Wohnung er rausfliegt, wenn es nicht reicht. Das hätte Stil! Aber seltsamerweise wird hier weiter aus früheren Sozialhilferegeln abgeleitet, dass Heizkosten Kosten der Unterkunft sind, aber Strom - aus welchen Gründen auch immer - von der Wohnung abgetrennt wird. Das verstehe wer will.


Abschließend kann also nur die Forderung bleiben, den Regelsatz um den (offenbar sowieso nur theoretischen) Anteil für Haushaltsenergie zu kürzen und diese Kosten nach Beleg in tatsächlicher Höhe als Kosten der Unterkunft zu bewilligen. Thilo Sarrazin kann dafür nicht sein, weil die Energie dann in den Kostenbereich des Senats fiele. Immerhin können wir ihn jetzt als Kronzeugen zitieren, denn er findet ja die Rechnung, nach der man unmöglich den Strom aus dem Regelsatz bezahlen kann, "durchaus schlüssig" :)


P.S.: Inhaltlich sehr eng zu diesem Thema gehört der Post "Die Auflösung der Widersprüche" (zwei vorher...)

Der Finanzsenator unter Strom!

Wir lieben ihn im Grunde alle, unseren Finanzsenator Thilo Sarrazin. Im Ernst schätze ich ihn deshalb wirklich, weil er sich offensichtlich einen Dreck um seinen Ruf schert und deshalb bereit und in der Lage ist, seine inhaltlich manchmal (aber nun auch weiß Gott nicht immer) fragwürdigen Ansichten von der Welt ohne jede Schutzschicht hinauszuposaunen.

Dieser, unser Thilo Sarrazin hat bekanntermaßen neulich mit einem Echtzeit-Experiment am lebenden Objekt (an sich und seiner Gattin) für Aufsehen gesorgt. Er wollte interessanterweise beweisen, dass man mit dem Geld, dass im Hartz-IV-Regelsatz für Essen enthalten ist, gesund leben kann. Also ließ er fleißig bei den einschlägigen Discountern einkaufen, vielleicht war er auch selbst unterwegs, das IST ihm zuzutrauen. Mit einem ausgeklügelten Essensplan kam er dann an die Öffentlichkeit und BEWIES, dass man von - ich sach mal - 4 Euro am Tag gar nicht schlecht lebt. Es gibt Brot, Wurst, Fettbemme, na gut, nicht so viel frisches Gemüse, aber ist ja egal. Er hat es überlebt, ihm hat es sogar geschmeckt (auch das IST ihm zuzutrauen). Am Ende stand die etwas ins Grundsätzliche gezogene Botschaft: Reicht doch.

Was beim Essen klappt, dachte ich mir, wird er wohl auch bei der Haushaltsenergie hinkriegen. Und ich schrieb ihm folgenden offenen Brief:


Sehr geehrter Herr Sarrazin,

als ich von ihrem Nahrungsmittelexperiment hörte, bei dem Sie unter Echtverhältnissen mit Discounterwurst bewiesen haben, dass der Regelsatz für Alg-II-EmpfängerInnen absolut ausreichend ist, war ich sofort überzeugt, dass Sie der Richtige wären, dies auch für den Verbrauch von Haushaltsenergie (Strom, warmes Wasser und Kochen) zu beweisen.

Die Testanordnung

Ziehen Sie bitte wahlweise allein, zu zweit mit Ihrer Frau oder zu dritt mit Ihrer Frau und einem Kind von - sagen wir - 11 Jahren in eine Testwohnung.

Diese Testwohnung soll bitte über folgende Elektrogeräte verfügen:

Kühlschrank ohne Gefrierfach, Waschmaschine, Elektroherd, Fernseher und elektrisches Licht. Die Warmwasserversorgung für Küche und Bad erfolgt über Strom.

Verzichten Sie bitte auf ein Gefriergerät, einen Wäschetrockner, einen Geschirrspüler, auf Hilfsgeräte für eine Zentral- oder Etagenheizung, auf einen Computer, dann praktischerweise gleich auch auf einen Monitor, Drucker, Kopierer oder Scanner, einen Videorekorder, einen Anrufbeantworter, ein Telefon, das Strom braucht, ein Faxgerät und vergleichbare Luxusgüter, die von Strom angetrieben werden. Aber auch auf sämtliche Haushaltsgeräte wie Mixer, Kaffeemühle oder Staubsauger.

Wie beim Essen soll es also ein ganz bescheidenes Leben sein.

Jetzt schließen Sie bitte den billigsten für Berlin zu habenden Stromvertrag ab. Wenn Sie keine Schulden haben und aufgrund Ihrer Schufa-Auskunft den Zuschlag bekommen, landen Sie aktuell (Strompreisvergleich im Internet vom 3.5.08) bei einem Anbieter aus Süddeutschland.

Für den Stromverbrauch Ihrer kleinen Gerätesammlung ziehen wir jetzt die Durchschnittsangaben des großen Berliner Stromversorgers Vattenfall heran, die er in der aktuellen Stromsparbroschüre anführt.

Und dann schauen wir, wie weit wir kommen.

Der Verbrauch

Unser süddeutscher Stromanbieter schlägt als Einstieg für einen Singlehaushalt einen Jahresstromverbrauch von 1200 kWh vor. Leider kommt Vattenfall bei ausschließlichem Einsatz der in unserer Testanordnung verfügbaren Geräte hier schon auf 1575 kWh. Schauen wir also, wieviel Strom sich ein Single vom Regelsatz billigstenfalls leisten kann.

Im Eckregelsatz von 347 Euro sind 6,3% für Haushaltsenergie (Strom, warmes Wasser und Kochen) enthalten. Da unsere Testwohnung alles mit Strom betreibt, nehmen wir den vollen Satz. Macht pro Monat 21,86 € oder im Jahr 262,32 €.

Der Singletarif kostet an Grundgebühren 57,12 € im Jahr. Bleiben 205,20 € für den nackten Verbrauch. Die Kilowattstunde im Singletarif kostet 20,92 Cent. Sie bekommen also pro Jahr 981 kWh für Ihren Stromanteil im Regelsatz.

Beim von Vattenfall veranschlagten Durchschnittsverbrauch unserer extrem gerätearmen Wohnung reichen Sie damit bis Anfang Juli. Da Sie weder Telefon noch Internet haben, erfährt das Gott sei Dank niemand.

Die Zahlen können Sie im Anhang studieren oder studieren lassen, aber es wird Sie freuen, dass der Regelsatzstrom immer realistischer wird, je mehr Personen zur Bedarfsgemeinschaft gehören. Im Zweipersonenhaushalt kommen Sie bei der Tarifwahl auch schon auf den Partnertarif, bei drei Personen reicht es allerdings noch nicht zum Familientarif, weil man dafür dann doch mehr Strom kaufen müsste, als man sich aus dem Regelsatz leisten kann.

In unserer Testanordnung reichte der Strom bei zwei Personen bis Oktober und bei drei Personen tatsächlich zwar nicht bis Silvester, aber bis in den Dezember hinein.

Wenn Sie allerdings auch solche Haushaltsgeräte betreiben wollten, wie wir sie hier entbehrlicherweise weggelassen haben, dann müssten Sie sich schon eine größere Familie zulegen, bis die Stromkosten zumindest theoretisch gedeckt sind.

Sollten Sie die Durchschnittsangaben von Vattenfall als zu hoch betrachten, können Sie Ihre Wohnung natürlich auch mit den modernsten Energiespargeräten ausrüsten. Dann würde ich Sie jedoch bitten, das für die Anschaffung solcher Geräte benötigte Geld beim nächsten Wursteinkauf zu sparen. Aber da hatten Sie ja reichlich…

Meine Frage an Sie: Sollen Kosten für Haushaltsenergie, die offensichtlich über den Alg-II-Regelsatz hinausgehen und ebenso offensichtlich nicht Folgen von Verschwendung sind, als tatsächliche Kosten der Unterkunft anerkannt und bewilligt werden? Falls nein, warum eigentlich nicht, da es bei der Energie für das Heizen der Wohnung ja auch nach Verbrauch geht?

Mit freundlichen Grüßen und in Erwartung Ihrer Testergebnisse verbleibe ich



Zwar habe ich diesen offenen Brief auch an die einschlägige Presse der pulsierenden Hauptstadt geschickt, aber die interessierte sich nicht besonders dafür. Eigentlich gar nicht...

Die Auflösung der Widersprüche...

... fand natürlich nicht statt. Aber immerhin kam es zur Klageerhebung im Fall der Stromkosten. Dass das Jobcenter auf sowas eher nassforsch reagiert, konnte mich ja nicht verwundern. Offenbar hatte ich aber auch beim Sozialgericht mit Richter Ulbrich einen erwischt, dessen Reaktion auf meine Klage nicht wirklich in einem Demo-Video über beispielhafte Formen der Gelassenheit Platz fände.
Er ließ mich über meine Anwältin wissen, dass er meinen Antrag auf Prozesskostenhilfe ablehnt, weil ich ein reicher Mann bin. Das ist insoweit zutreffend, als ich mehr als die 1600 Euro auf der hohen Kante habe, die man für PKH haben darf. Die Schonbeträge des SGB II greifen hier ja nicht. Aber er fügte hinzu, dass er auch in inhaltlicher Hinsicht wohl kaum PKH bewilligt hätte. Denn wie formulierte er so schön: "Der Klage wird daher eine auch nur entfernte Aussicht auf Erfolg abgesprochen." Und um seine wilde Entschlossenheit zu unterstreichen drohte er für den Fall, dass ich doch wagen sollte, die Sache weiter zu verfolgen, "Mutwillenkosten" an, wie meine Anwältin mir erklärte. Also gewissermaßen eine Strafgebühr für Inanspruchnahme des Gerichts aus Daffke.
Leider ist es wohl nicht möglich, ein Gerichtsverfahren in diesem Stadium deshalb ruhen zu lassen, weil man noch Geld für die Strafgebühren sammeln muss. Sonst hätte ich ein Spendenkonto eingerichtet:) So bleibt es bei der Feststellung, dass das Urteil aus Frankfurt/Main, auf das ich mich berief, in der Berufung ist und wahrscheinlich genauso kassiert wird, wie meine bescheidene Anfrage.

Grundansatz der Gerichte ist hier, dass die einzelnen Posten des Warenkorbs, aus dem sich der Regelsatz zusammensetzt, im Einzelnen gar nicht realistisch sein müssen, solange das Bundesverfassungsgericht sagt, dass die Gesamtsumme schon irgendwie reicht. Wobei wir beim lustigen Fall Sarrazin wären, der den nächsten Beitrag hier füllt:))

Freitag, 4. April 2008

Haupt- und Nebenwidersprüche

Ich habe nach längerer Zeit mal wieder in eigener Sache einen inhaltlichen Antrag gestellt und durfte so voller Demut erleben, was meinen BeratungskundInnen auch immer widerfährt. Es ging um elektrische Energie im Haushalt. Da bin ich vorbelastet, weil schon mein Vater selig Freileitungsmonteur war und auch mein Bruder zunächst Elektriker lernen musste, bevor er Lehrer werden durfte. Strom also.

Ich berief mich auf ein Urteil aus Frankfurt am Main, in dem das Jobcenter verurteilt wurde, einer Frau den Teil ihrer Stromrechnung zu begleichen, der nicht vom Regelsatz abgedeckt ist. Das mache ich auch, dachte ich mir, denn auch meine Stromrechnung ist natürlich höher als der Stromanteil im Regelsatz. Von dem kann man ja eigentlich nicht mal einen Kühlschrank das ganze Jahr betreiben...

Dass mein Antrag abgelehnt wurde, damit habe ich gerechnet, weil ich ja etwas forderte, was so nicht üblich ist. Jetzt habe ich aber auch einen ablehnenden Widerspruchsbescheid bekommen. Interessant war die Begründung: Die Fälle seien nicht vergleichbar, weil die Frankfurterin ihren Strom angeblich über den Vermieter abrechnete, ich aber eine Rechnung meines Stromversorgers vorgelegt hätte. Hatte ich auch. Die Frankfurterin allerdings ebenso. Das steht sogar ausdrücklich im Urteil. Ich hatte in meinem Widerspruch darum gebeten, doch in irgendeiner Weise Bezug auf das von mir genannte Urteil zu nehmen. Aber der Sachbearbeiter hat da offenbar seine ganz eigene Lesart entwickelt. Im Übrigen, so führte er weiter aus, dürfte dem Urteil des Frankfurter Sozialgerichts "kaum zu folgen" sein. Ob ich diese qualifizierte Einschätzung eines Jobcentersachbearbeiters jetzt dem Sozialgericht in Frankfurt mitteilen soll? Nein, ich spreche lieber mal mit meiner Anwältin und bereite mich auf eine weitere Klage vor...

Der Mangel an zündenden Ideen

Letzte Woche blieb er stehen, der Roller. Motorheulen, langsam werden, aus is. Werkstatt angerufen, abschleppen lassen und eine Woche gewartet, weil angeblich zwei Teile in Pisa bestellt werden mussten. Das kennt man ja von seiner Espressomaschine, wenn die Gummidichtung mal wieder hin ist.
Als ich dann zum Abholen kam, wusste erstaunlicherweise niemand so richtig, woran es gelegen haben könnte. Den Vergaser hätten sie zwar ausgetauscht, weil ja nun mal ein neuer aus Italien da war, aber kaputt war der alte nicht. Man einigte sich auf eine defekte Zündspule. Wenn mir das jetzt eher spanisch als italienisch vorgekommen wäre, hätte ich goldrichtig gelegen. Denn nach 500 Metern stand ich wieder...
Also nochmal in die Werkstatt, und einen weiteren Tag später stellte sich heraus, dass von Anfang an nur eine Zündkerze gebrochen war. Ich werde darüber nachdenken müssen, die Werkstatt zu wechseln. Gut nur, dass ich mir für solche Fälle ein kleines Rollkofferbüro zugelegt hatte und während dieser Woche ausnahmsweise der öffentliche Personennahverkehr nicht streikte!

Dienstag, 18. März 2008

Der kleine Eyecatcher

Auf der Straße habe ich es ja schon immer gemerkt, dass alle gerne Ape gucken. Ein Dreirad im kühlen Norden ist ja auch immer noch ungewöhnlich. Jetzt hat aber auch die örtliche öffentliche Wahrnehmung in Form von Zeitung und Radio ihre Zuneigung entdeckt. Nachdem ich wie alle BerlinerInnen am Wochenende Post vom Regierenden im Kasten hatte, der seine neue Imagekampagne "Sei Berlin" vorstellte, habe ich mir gedacht: Bevor da alle Berliner Selbstdarsteller ihre Geschichte unter die Leute bringen, biste mal schnell. Dann geht man noch nicht so unter. Also ein paar Zeilen geschrieben, ein weniger als passables Rollerfoto hochgeladen und keine 24 Stunden gewartet, bis die Berliner Zeitung vor dem Haus stand und ein Foto machen wollte. Sie wollten über den Start der Kampagne berichten und befanden den Hartzer Roller für passend, das Bildliche herzugeben und die launige Schlussbemerkung ihres Artikels zu schmücken.
Wie immer in solchen Fällen wundert man sich, wer alles so die Berliner Zeitung liest, aber es haben sich mal wieder ein paar alte Bekannte gemeldet. Ist ja auch schön.
Mit diesem medialen Doppelschlag war es dann soweit, dass ich heute morgen auch noch vom Berliner Rundfunk zum "Berliner des Tages" bestimmt wurde und ein Telefoninterview zu einer Tageszeit geben musste, zu der ich normalerweise noch überlege, ob ich rangehe, wenns klingelt... Aber so soll es wohl sein, schließlich muss man ja klotzen, wenn man die Welt auf seine Seite ziehen will:)
Blöd nur, dass das Fünfminuteninterview oder die Vierzeilenerwähnung eigentlich gar nicht meine Welt sind. Da war die Teilnahme am Feature über HARTZ IV für das Deutschlandradio schon eine schönere Sache. Öffentlich-rechtlich halt, mit Zeit ohne Ende. Aber ich will nicht klagen...

Samstag, 15. März 2008

Interkulturelles

Ab April werde ich mal was Neues ausprobieren, nämlich den festen Beratungstermin ohne Terminvergabe. Ermöglicht wird mir das Ganze vom Mehrgenerationenhaus Çamlık in Neukölln. Da es das eigentlich noch gar nicht gibt, war es natürlich einer von diesen verwinkelten Zufällen, der mich da hingeführt hat. Ich suchte mal wieder Sponsoring, weil ich eine weitere Schulung für ein MigrantInnenprojekt durchführen wollte. Ganz alte Netzwerkfäden führten mich dabei bis ins Abgeordnetenhaus, wo ich dann mit ganz jemand anders in Kontakt kam, als ich eigentlich dachte. So funktioniert das wohl und na gut, ich gewöhne mich auch daran.
Jedenfalls fand ich mich bald im Gespräch mit einer ausgesprochen vitalen Person, die das erst im Mai offiziell zu eröffnende Mehrgenerationenhaus bis dahin mit Leben füllen soll (und das offenbar auch tut). Im Ergebnis mache ich dann also erstmals eine regelmäßige Sprechstunde, zu der man einfach reinschneien kann, ohne vorher einen Termin abzumachen. Mal sehen, wie sich das anlässt. Für mich hat es den Vorteil, dass ich bei ganz dringenden Fällen jetzt auf jeden Fall ein persönliches Treffen spätestens innerhalb einer Woche anbieten kann. Auch wenn die bisherigen Termine alle belegt sind. Bislang musste ich in solchen Fällen immer Zusatztermine in der alten schmiede machen oder mich auf Fernberatung kaprizieren, was der Sache nie so ganz gerecht wird.
Andererseits bedeutet ein abgemachter Termin aber für beide Seiten des Beratungstischs auch eine gewisse Disziplin, die ich durchaus zu schätzen weiß. Man hat was abgemacht und hält sich dran. Da bin ich gespannt, wie das freie Fluten funktioniert.
Çamlık ist ja ein interkulturelles Projekt. Und meine rudimentären Türkischkenntnisse sind total verschüttet. Deshalb kündige ich lieber überall vorher an, dass die Beratung auf deutsch stattfindet. Auch hier ist für mich neu, dass ich im Fall von Verständigungsschwierigkeiten auf MitarbeiterInnen von Çamlık zurückgreifen kann. Für alle Fälle krame ich aber gerade mein altes "Günaydın"-Türkischbuch wieder hervor, damit ich wenigstens beim Drumherum ein paar Worte verlieren kann...

Samstag, 19. Januar 2008

Ist Geld gut oder böse?

Nicht dass ich viel davon hätte, aber wenn wir hier schon mal im Internet sind, dann können wir ja auch über die Gepflogenheiten im Internet sprechen. Um zu sehen, ob die Homepage des Hartzer Rollers überhaupt Sinn macht, habe ich natürlich die gängigen Möglichkeiten der Zugriffsstatistik eingebaut. Will sagen, dass ich sehen kann, wieviele Menschen sich das so anschauen, welche Seiten sie dabei aufrufen und wo sie herkommen.
Interessant ist immer der schubweise Zulauf, wenn an einer anderern Stelle des WWW auf die Seite hingewiesen wird. Im Gutgemeinten wie im nicht so Gutgemeinten. Zum ersten Mal erlebte ich einen Schwung von BesucherInnen, die von einer Seite namens "Popnutten.de" zu mir kamen. Ich also mal da hin und rausgekriegt, dass jemand, der bei mir in der Beratung war und den Hartzer Roller bekannt machen wollte, ein Foto vom damals berühmtesten Unrasierten auf seinen Musikblog setzte und das Foto mit der Rollerseite verlinkte.
Neulich dann der nächste Zulauf. Diesmal von einem Forum von MitarbeiterInnen der Sozialämter und Jobcenter. Ich glaube, es ist ein bundesweites Forum. Kann sein, dass ich ursprünglich gar nicht gemeint war, weil es dort ein Forumsmitglied gibt, dass sich Hartzer Roller nennt. Selbst kannte ich das Forum gar nicht. Jedenfalls beschwerte sich dort ein Jobcentermitarbeiter aus dem Rheingau ("Wenn einem so viel Gutes wird beschert, das ist schon einen Asbach Uralt wert - Asbach Uralt aus Rüdesheim am Rhein"), dass gerade die Beratungsstellen wie der Hartzer Roller es seien, die den Jobcentern das Leben so schwer machen. Dazu ein Link und für mich die Erkenntnis, dass schlechte Publicity besser ist als gar keine. Denn mir wurde dort erstmal unterstellt, dass ich (nicht angegebene) Nebeneinnahmen durch die Beratung hätte (obwohl es sich doch in Wahrheit um nicht vorhandene Haupteinnahmen handelt...). Aber über 300 Seitenaufrufe an einem Tag, und das aus fast allen Jobcentern der Republik, hatte ich vorher auch noch nicht.
Neuester Fall ist dann eine Art Rollerbeschimpfung, die für sich genommen auch schon wieder unterhaltsam ist. In einem "Forum der Ausgebeuteten" fragte jemand nach einer Beratungsstelle in Berlin, bekam den Hartzer Roller empfohlen und legte dann richtig los. Nach dem Durchklicken sämtlicher vorhandener Links (was ich ausdrücklich begrüße!) schmiss die UserIn etliches so durcheinander, dass für sie oder ihn das stimmige Bild entstanden war, dass ich die Beratungstermine nur benutze, um den KundInnen hernach das Geld aus der Tasche zu ziehen. Grund für diese Interpretation: Um meinen systemischen Beratungsansatz nicht neu erklären zu müssen, gibt es ja den Link zur alten Beraterhomepage aus der Zeit, in der ich mich noch als Organisations-/Unternehmensberater auf den Weg machte. Damals natürlich für Cash! Na hin und her, seitdem werde ich dort jedenfalls als übelster Nepperschlepperbauernfänger beschimpft. Und alles nur wegen Geld, das überhaupt keiner bezahlt...

Und zum Dritten

Zum dritten Mal hat das Jobcenter mir Einstiegsgeld bewilligt. Das will ich an dieser Stelle erwähnen, gerade weil ich in Beratungsgesprächen immer wieder darauf hinweise, dass diese fast schon "Langzeitbewilligung" eher nicht die Regel ist. Dies nur zur Kenntnis, einen Roman will ich darum auch nicht spinnen:)