Samstag, 30. März 2013

Große Kinder, große Sorgen

 Oder auch: Sorgenfalten nach dem Ende des Sorgerechts!


Es geht heute um folgendes: Wenn Eltern eines Kindes nicht zusammenleben, dann gibt es verschiedene Möglichkeiten, diese Kinder von Jobcenterseite aus zu verwalten und zuzuordnen. Grundsätzlich sind das drei Varianten:

  1. Das Kind lebt voll und ganz bei einem Elternteil.
  2. Das Kind lebt überwiegend bei einem Elternteil.
  3. Die Eltern entscheiden sich für das "Wechselmodell", das Kind wohnt also genau hälftig bei jedem Elternteil.
In der ersten Variante gehört das Kind auch ganz zur Bedarfsgemeinschaft des Elternteils, bei dem es wohnt.
In der zweiten Variante gehört das Kind ebenfalls den ganzen Monat zur BG des Elternteils, bei dem es überwiegend wohnt. Aber in den z.B. 10 Tagen pro Monat, in denen es beim anderen Elternteil lebt, bildet es mit diesem eine sogenannte "temporäre Bedarfsgemeinschaft". Im Beispielfall würde das Kind also an 10 Tagen im Monat zu beiden Bedarfsgemeinschaften gehören, denn die 10 Tage dürfen nicht bei der "Hauptfamilie" abgezogen werden.
In beiden Varianten bekommt der Elternteil, bei dem das Kind überwiegend lebt, den vollen Mehrbedarf wegen Alleinerziehung zugesprochen, der andere Elternteil geht in bezug auf diesen Mehrbedarf leer aus.
Beim Wechselmodell gehört das Kind jeweils für einen halben Monat zu den beiden Elternteilen und beide Elternteile bekommen jeweils den halben Mehrbedarf.

Wohnungstechnisch ist die Sache weniger geklärt und somit interessant.
Ist das Kind voll (und nur) bei einem Elternteil, zählt es als volle Person bei der Frage der Angemessenheit der Kosten der Unterkunft. Also z.B. ein Vater mit einem Kind ergeben zwei Personen, also Angemessenheit in der Tabelle der Richtwerte für zwei Personen.
Das überwiegende Kind zählt auch voll in der "Hauptfamilie", aber der Elternteil, bei dem ein Kind nicht nur vorübergehend, also z.B. auch regelmäßig 10 Tage im Monat, lebt, hat ja auch erhöhten Raumbedarf. Regelung in Berlin ist derzeit (es fehlt ja die Rechtsgrundlage wegen der ungültigen Wohnaufwendungenverordnung WAV), dass bei einem Kind dann dieses Kind voll zählt, im obigen Beispiel also auch gerechnet würde: eine Mutter und ein Kind an 10 Tagen macht zwei Personen. Bei mehreren Kindern wird im Einzelfall entschieden. Trennt sich z.B. eine PartnerIn und hat mit der PartnerIn fünf Kinder, die allesamt immer mal vorbeikommen, wird z.B. der Wert für drei oder vier Personen genommen, aber wohl kaum für sechs.
Beim Wechselmodell läuft es so wie in der ersten Variante.

Immer gilt also bei aller Feinheit der Möglichkeiten, dass ein Kind erstens Wohnraum braucht und zweitens nicht zwingend nur einem Elternteil zugeordnet werden kann.

Aber was heißt schon "Kind"? Zwar gehört das Kind bis zum 25. Geburtstag zur Bedarfsgemeinschaft, in der es lebt. Aber sowohl der anerkannte Raumbedarf bei regelmäßigen Besuchen (z.B. die 10 Tage im Monat, die ich oben immer als Beispiel genommen habe) als auch die anerkannte wechselnde Unterbringung beim Wechselmodell sind nur bis zum Erreichen der Volljährigkeit möglich. Also bis 18.
Ist das Kind volljährig, gibt es erstens für gar keinen Elternteil mehr den Mehrbedarf bei Alleinerziehung. Aber spätestens jetzt muss sich das "Kind" auch entscheiden, wo es lebt. Und zwar voll und ganz. Denn mit der Volljährigkeit endet das Sorge- und Umgangsrecht der Eltern.

Das heißt, dass ein Kind im Wechselmodell mit dem 18. Geburtstag einer Bedarfsgemeinschaft zugeordnet werden muss. Und Besuche (auch regelmäßige) beim anderen Elternteil, sind keine rechtliche Grundlage mehr für eine temporäre Bedarfsgemeinschaft und damit eben auch nicht für einen erhöhten Raumbedarf.

Kann also bedeuten, dass der Elternteil, der bis zur Volljährigkeit des "Wechsel- oder Besuchs-"Kindes nur wegen des anerkannt erhöhten Raumbedarfs eine angemessene Wohnung hatte, mit dem 18. Geburtstag des Kindes eine zu teure Wohnung hat, wenn das Kind dem anderen Elternteil zugerechnet wird.

Anlass genug also, dass alle Wechselmodellfamilien sich rechtzeitig Gedanken machen, welchen Elternteil mit dem 18. Geburtstag als Dauer-Meldeadresse des vormaligen Wechselkindes angibt! Bei Unsicherheit also lieber rechtzeitig einen Beratungstermin ausmachen und gemeinsam rechnen...

Donnerstag, 28. März 2013

Alg II und KSK - Fragen Sie Dr. Hartz...

Wie schön, dass in Berlin so viele Kreative leben. Die einen schreiben, die anderen malen, wieder andere drehen Filme oder machen schöne Musik. Das ist gut so!

Wer sein Geld mit Kunst oder Publizistik verdient, sollte immer überdenken, ob eine Mitgliedschaft in der Künstlersozialkasse (KSK) in Frage kommt. Während man JobcenterkundIn ist, spielt das geldmäßig keine Rolle, weil die Krankenversicherung da ja gewährleistet ist. Verdient man aber später wieder mehr, ist die KSK weitaus günstiger als die freiwillige gesetzliche Krankenversicherung für Selbständige und in der Regel auch günstiger als eine Privatversicherung (wo ja eh niemand rein möchte, sondern eher alle raus wollen...).

Im Prinzip funktioniert die KSK so, dass sie zwischen KünstlerIn und Krankenkasse quasi die selbe Rolle einnimmt wie eine ArbeitgeberIn bei Angestellten. Man ist also nicht BEI der KSK krankenversichert, sondern ÜBER die KSK. Dazu kommt die gesetzliche Pflicht-Rentenversicherung bei der KSK.

Wechselt ein KSK-Mitglied zum Jobcenter, so wird die Krankenversicherung dann nicht mehr über die KSK abgewickelt, sondern man wird "normales" Pflichtmitglied in der gleichen Krankenkasse, bei der man vorher schon über die KSK war. Beispiel: Ich bin erst über die KSK in der Techniker Krankenkasse und mit Beginn von Alg II dann automatisch über das Jobcenter. Kein Aufriß also. Und weil ich die Rentenbeiträge weiter bei der KSK zahle, bleibe ich dort auch Mitglied. Die Rentenversicherung ist gewissermaßen die Nabelschnur zur KSK. Das hat zur Folge, dass ich nach dem Bezug von Alg II ohne neue Einkommensprüfung wieder über die KSK krankenversichert werde.

Womit wir bei der immer gern gefragten Mindesteinkommensregelung der KSK wären. Voraussetzung für die Mitgliedschaft bei der KSK ist nämlich nicht nur, dass man überhaupt seinen Lebensunterhalt mit Hilfe von Kunst oder Publizistik bestreitet. Man muss auch ein Mindesteinkommen nachweisen. Dieses ist mit aktuell 3.900 € pro Jahr aber so gering, dass man daneben bequem auch längere Zeit beim Jobcenter bleiben kann. Der Umstand, dass z.B. über zwei oder drei Jahre keine Krankenversicherung über die KSK abgewickelt wird, ist völlig unschädlich für eine durchgehende Mitgliedschaft dort. Es ist ja auch ziemlich offensichtlich, dass man von lediglich 3.900 € im Jahr nicht leben kann (325 € pro Monat). In der Gründungsphase kann der Gewinn im übrigen auch niedriger sein, weshalb es sich auch lohnt, während des Bezugs von Alg II schon mal den Antrag auf KSK-Mitgliedschaft zu stellen.

Beginn der KSK-Mitgliedschaft ist übrigens bei vormalig gesetzlich Versicherten der Tag der Antragstellung. Man wird also rückwirkend Mitglied und die bis dahin zu viel gezahlten Beiträge der freiwilligen Mitgliedschaft werden zurückerstattet. Ist man vorher privat versichert, beginnt die Mitgliedschaft erst mit dem Tag des Aufnahmebescheids. Denn mit den Privaten kann die KSK keine Rückabwicklung durchführen.

Unter dem Strich: KSK gut.

P.S.: Die Rentenbeiträge, die man bei der KSK zahlt, sind Pflichtversicherungsbeiträge und als solche immer und unbedingt vom Einkommen abzusetzen. Weil sich dadurch das Einkommen verringert, steigt das Alg II und das Jobcenter hat hintenrum die Beiträge bezuschusst. Schlecht ist nur, wenn man gar kein Einkommen hat. Dann gibt es ja mangels Masse nichts, wovon man etwas absetzen kann. Anders als früher werden die Rentenbeiträge dann nicht bedarfserhöhend anerkannt, sondern man zahlt sie faktisch aus dem Regelsatz.

Mittwoch, 27. März 2013

Rechnen für Visionäre

Die Einkommensanrechnung ist ja Steckenpferd so mancher Leistungsabteilung in den Jobcentern. Da wird gerne mal behauptet und munter drauf los erfunden, dass die oft als so arbeitsscheu gebrandmarkten KundInnen doch erhebliche Einkünfte hätten. Einmal gemutmaßt sind diese dann gern auch schnell mal in die Berechnung eingeflossen und man kann dem Geld hinterher rennen, dass einem vom Center vorenthalten wird.

Bei schwankenden Einkommen haben wir ja nicht immer nur mit prekär Selbständigen zu tun. Auch Angestellte, insbesondere MinijobberInnen, wissen am Monatsanfang oft noch nicht, wie oft sie "gerufen" und damit auch bezahlt werden. Hat eine ArbeitgeberIn auf dem entsprechenden Formular aber erstmal angekreuzt, dass das Gehalt nicht monatlich in immer der gleichen Höhe ausfällt, fängt die Schätzerei an. Seriös sollte eine Leistungsabteilung dann fragen, ob man eine realistische Durchschnittssumme festlegen könnte, die erstmal standardmäßig für die Berechnung der kommenden sechs Monate in den Bescheid kommt. Ist diese wirklich realistisch, würde die Endabrechnung ja nicht besonders von der Einschätzung abweichen und es gäbe keine großen Forderungen zwischen Center und Kundschaft.

Leider hat es sich aber eingebürgert, dass als solcher Durchschnittslohn für die nächsten Monate nicht der Durchschnitt hergenommen wird, sondern der höchste jemals vorgekommene Einzelmonat. Das verschiebt die am Ende rauskommende Zahlung von Alg II natürlich erstmal nach unten, das Geld fehlt in der Haushaltskasse. Zwar bekommt man es am Ende zurück, aber der Sinn der Sache ist so etwas nicht.

Das Jobcenter Pankow hat nun den Vogel abgeschossen. Denn obwohl die Summe aus drei Minijobs bei einer Kundin in den vergangenen Monaten nie über 400 € im Monat ergab, wurde für das nächste halbe Jahr der stolze "Durchschnittslohn" von 700 € brutto festgesetzt. Also fast doppelt so viel wie jemals vorher erzielt wurde. Und um noch einen drauf zu setzen, wurde unter "netto" ebenfalls 700 € angesetzt. Damit setzte Pankow dann auch gleich alle gesetzlichen Regelungen über Steuern und Sozialabgaben außer Kraft. Denn ein abhängiges Einkommen von 700 € brutto kann ja gar nicht abgabenfrei sei. Hier hätte man sich ja wenigstens die Mühe machen können, beim Betrügen korrekt vorzugehen und einen Brutto-Netto-Rechner zu Rate zu ziehen. Aber es musste wohl schnell gehen...

Sonntag, 24. März 2013

Schneller in die Rente...

Gespräche mit anderen BeraterInnen bestärken mich in dem Eindruck, dass die Jobcenter verstärkt von der Möglichkeit Gebrauch machen, Menschen in Rente zu schicken, die noch gar nicht das gesetzliche Rentenalter erreicht haben. Noch so ein Fall, in dem die Erhöhung dieses gesetzlichen Rentenalters faktisch nur einer Rentenkürzung gleichkommt. Ziel ist offenkundig, die Leute aus dem Bezug von Alg II zu drängen. Instrument ist der Verweis auf sogenannte "vorrangige" Leistungen. Ich vergleiche das im Beratungsgespräch immer mit einem Obstkorb. Wenn alle möglichen Geldquellen, mit denen man den Lebensunterhalt bestreiten könnte, Äpfel, Birnen, Datteln und andere leckere Früchte wären, dann wäre das Jobcenter in so einem Obstkorb immer die letzte schrumpelige Zitrone, die man auspressen darf. Vorher muss alles andere aufgegessen werden.

Altersrente ist eine solche vorrangige Leistung. Allerdings kann man sich nicht darauf verlassen, dass hierauf erst verwiesen wird, wenn man auch einen Anspruch auf die volle, abschlagsfreie, also ungekürzte Rente hat. Vielmehr hat das Jobcenter grundsätzlich die Möglichkeit, Menschen bereits im zarten Alter von 63 Jahren auf die Altersrente zu verweisen. In der Regel bedeutet das, dass die Altersrente dauerhaft nur mit einem Abschlag, also nicht in voller Höhe ausgezahlt wird. Wohlgemerkt auch dann, wenn man später das Regelrentenalter erreicht hat.

Nur in wenigen Fällen kann man dies verweigern, bzw. darf das Jobcenter nicht auf die Altersrente verweisen. Diese sind der "Unbilligkeitsverordnung" geregelt. Denn ein Verweis gilt in diesen Fällen als "unbillig" (man könnte also guten Gewissens von einem teuren Vergnügen sprechen...).

Was sind diese Unbilligkeiten?
  • Nicht in die geminderte Altersrente muss zunächst, wer noch einen Anspruch auf Alg I hat. 
  • Ebenso nicht, wer noch einen Job ausübt, bei dem das monatliche Gehalt sozialversicherungspflichtig ist, also neuerdings über 450 € liegt (in der Unbilligkeitsverordnung selbst steht aktuell noch "mindestens 400,01 €", bis zur Anpassung bliebe da ein rechtlicher Spielraum...). Gleiches gilt bei selbständiger Tätigkeit mit gleichem Mindestgewinn. Zusätzlich muss diese Erwerbstätigkeit aber immer auch mindestens die Hälfte der individuell möglichen Arbeitszeit ausfüllen. Also bei der Möglichkeit von Vollzeitarbeit mindestens 20 Wochenstunden.
  • Verschont wird auch, wer in spätestens drei Monaten einen Anspruch auf eine ungeminderte Altersrente hat, was z.b. bei manchen Schwerbehinderten der Fall sein kann.
  • Oder wer mit einem Arbeitsvertrag nachweist, dass er in spätestens drei Monaten eine Beschäftigung aufnimmt, die dann länger als sechs Monate währen wird.
  • Und schließlich die Menschen, die bis 2008 die "58er-Regelung" unterschrieben haben oder dies hätten tun können.

Alle anderen müssen auf Verlangen des Jobcenters tatsächlich mit 63 eine Altersrente beantragen und dauerhaft die damit verbundenen Rentenabschläge in Kauf nehmen. Es sind dies keine Neuigkeiten im Sinne einer aktuellen Gesetzesänderung, aber ich habe es mal für diesen Blog zusammengefasst, weil immer mehr Jobcenter-KundInnen mit der Situation konfrontiert sind...

Donnerstag, 14. März 2013

Der Baum der Erkenntnis?

Ein wieder mal interessantes Urteil fällte das Bundessozialgericht in Kassel. Es ging um die Frage, ob man bei einem Widerspruchsverfahren auch bei äußerst geringem Streitwert eine AnwältIn einschalten darf. Der geringe Streitwert war in diesem Fall 2,05 €, denn streitig war eine letzten Endes widerrechtlich vom Jobcenter verlangte Mahngebühr.

Nun hatte die Klägerin für die Durchsetzung ihres Rechts einen Anwalt eingeschaltet und gewann. Wenn man aber einen Prozess gewinnt, dann muss die unterliegende Seite den Anwalt der Gegenseite bezahlen. Für widersprechende JobcenterkundInnen ist das meist kein Problem, weil die Jobcenter sich normalerweise von ihren eigenen Rechtsabteilungen vertreten lassen und Anwaltskosten deshalb dann nicht anfallen. Da die Frau aber einen Anwalt genommen hatte, stand nun selbstredend die Anwaltsrechnung im Raum. Jobcenter verliert, also zahlt es. So sah es das Jobcenter aber nicht und berief sich auf die geringe Streitsumme, die nur ein "Bagatellbetrag" sei, weshalb ein Anwalt wohl übertrieben sei...

Auch hiermit scheiterte das Center glücklicherweise. Und die Begründung lässt aufhorchen. Denn just zu dieser Zeit sollen die Möglichkeiten der Armen im Beratungshilfe- und Prozesskostenhilferecht drastisch eingeschränkt werden. Das dürfte aber zumindest schwierig zu begründen sein, wenn man sich das aktuelle BSG-Urteil ansieht. Darin heißt es nämlich, dass in der Regel Jobcenter nicht von BürgerInnen verlangen könnten, über die Gesetzeslage kundig zu sein und sich ohne anwaltliche Hilfe einer Sozialbehörde entgegen zu stellen. Hierbei sei nicht der Streitwert ausschlaggebend, sondern "die Wahrung des Grundsatzes der Waffengleichheit". BürgerInnen könnten dann einen juristischen Beistand in Anspruch nehmen, "wenn im Kenntnisstand und den Fähigkeiten der Prozessparteien ein deutliches Ungleichgewicht besteht".


Gut, bei vielen Bescheiden, die auf meinen Beratungstisch flattern, hat man nicht den Eindruck, dass das Jobcenter Personal eingestellt hat, dem man nicht das Wasser reichen kann. Aber grundsätzlich und vor allem auch gefühlt ist natürlich ein erhebliches Gefälle zu Ungunsten der KundInnen gegeben. Und das BSG hat deutlich gemacht, dass diese Gefälle auszugleichen ist!


Wie vor  diesem Hintergrund die geplanten Beschneidungen im Beratungs- und Prozesskostenhilferecht zu rechtfertigen sein sollen, wird neugierig zu beobachten sein. Das Aktenzeichen des BSG-Urteils über die Sicherstellung anwaltlicher Hilfe lautet:

B 4 AS 97/11 R

Sonntag, 10. März 2013

Status Quo Ante WAV?

Der Hammer des Gerichts hat mal wieder zugeschlagen, und wieder traf es Super-Mario Czaja...

Keine Angst, ich entwickle auf meine alten Tage kein Mitleid mit dem Sozialsenator unserer weltoffenen Metropole, die voller Schaffensdrang ein Mammutprojekt nach dem anderen in den Sand setzt. Die heftige Kopfnuss, die der Herr Senator sich diesmal vom Berliner Sozialgericht eingefangen hat, hat es allerdings in sich. Hatte vor ein paar Wochen schon eine Normenkontrollklage ergeben, dass die in langem Kreißen entstandene Wohnaufwendungenverordnung (WAV), die im Mai 2012 die bis dahin illegal geltende Ausführungsvorschrift Wohnen (AV Wohnen) ersetzte, für LeistungsbezieherInnen nach dem 12. Sozialgesetzbuch (Sozialhilfe und Grundsicherung) nicht angewandt werden darf, so wurde in diesmal noch viel schallenderer Ohrfeigenmanier jegliche Anwendbarkeit auch im Bereich der Alg II-BezieherInnen verneint!
Zwar ist munkelnderweise zu hören, dass Mario Cz. diesen verlorenen Prozess bis vor das Bundessozialgericht (BSG) fortsetzen will, aber zunächst mal sind wir in Berlin bis auf weiteres wieder mal so klug als wie zuvor. Es dürfte nach diesem Urteil zunächst in allen Einzelfällen, die beklagt werden, wieder das sogenannte "RichterInnenrecht" gelten, bei dem bei der Entscheidung z.B. der Frage, ob eine tatsächlich über dem oberen Richtwert der WAV liegende Miete abgesenkt, also nicht voll übernommen werden kann, die einzelne RichterIn sich auf alle möglichen Rechtsgrundlagen berufen kann, nur eben nicht auf die WAV. Und nach Wohngeldgesetz plus Sicherheitsaufschlag plus tatsächliche Heizkosten dürfte in der Regel ein höherer Richtwert rauskommen als in der WAV erfunden.

Denn hierum geht es: Der Senat von Berlin hat nach Meinung des Berliner Sozialgerichts die oberen Richtwerte für die zu  übernehmenden Mieten der Berliner Alg II-BezieherInnen weitgehend frei erfunden. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen scharf. Aber im Prinzip läuft es genau darauf hinaus. Die Werte, die herangezogen wurden, stammen aus einem mehrere Jahre alten Mietspiegel, welcher auch für sich genommen nicht alle Wohnungen berücksichtigt, die in Bezug auf Alg II berücksichtigt werden müssten. Im Ergebnis sind es zu wenige und zu billige Wohnungen, bei denen obendrein keinerlei Unterschiede zwischen den sehr wohl unterschiedlichen Berliner Bezirken gemacht werden. Die vom Mietspiegel relativ unabhängigen Betriebs- und Heizkosten wurden zudem nach Auffassung des Gerichts willkürlich festgesetzt, denn eine schlüssige Herleitung aus belastbarem und wissenschaftlich haltbarem Zahlenmaterial ist in keiner Weise gegeben.
Und fehlt schon der Bezug zur nachvollziehbaren Gegenwart, kommt die WAV ihrem gesetzlichen Auftrag, auch die Preisentwicklungen der absehbaren Zukunft zu berücksichtigen, natürlich erst recht nicht nach. Auch sei die mantrahafte Behauptung des Landes Berlin, dass es grundsätzlich genug Wohnungen im angemessenen Preissegment gebe, bereits durch die allbekannte Realität so weit widerlegt, dass realistischerweise nicht von den Betroffenen gefordert werden könne, die Unmöglichkeit einer Wohnungsfindung beweisen zu müssen. Vielmehr müsse wohl erstmal der Senat beweisen, dass genug Wohnungen wirklich da sind. Dies im übrigen auch, weil es für den Begriff der "Such-Bemühungen" überhaupt keine objektiven oder nachvollziehbaren Kriterien gebe.
So zieht es sich munter durch den ganzen Urteilstext. Man fragt sich danach nur noch, wer sich mit so einer WAV warum überhaupt an die Öffentlichkeit, geschweige denn in ein öffentliches Amt gewagt hat. Aber halt... wir sind ja in Berlin, da wollen wir froh sein, dass die Mietobergrenzen nicht auch noch von Herrn Mehdorn im Ukas-Verfahren festgesetzt werden.

Im Endergebnis stellt das Gericht jedenfalls fest, dass die vorliegende WAV bestenfalls fürs Altpapier taugt. Außerdem sei es nicht die Aufgabe des Gerichts, selbst eine gesetzeskonforme WAV zu schreiben. Weshalb objektiv ein "Erkenntnisausfall" vorliege (dieses Wort sollte man sich vielleicht merken, denn man kann es hierorts ja auf vielen Gebieten anwenden). Und prompt sind wir wieder beim Status Quo Ante WAV. Es herrscht also RichterInnenrecht, und bis auf weiteres wäre ein Tor, wer eine Mietabsenkung durch die Berliner Jobcenter hinnähme.

Praktische Folge also zunächst mal für alle, die von laufenden oder bereits durchgeführten "Kostensenkungsverfahren" betroffen sind: Bei frischen Bescheiden (bis zu vier Wochen alt) Widerspruch einlegen und bei älteren bis rückwirkend zur Einführung der WAV im letzten Jahr Überprüfungsantrag stellen!

Um die Hoffnungen nicht in unermessliche Höhen schnellen zu lassen, sei erwähnt, dass auch nach individuellem RichterInnenrecht eine Miete, die um Hunderte Euro über den WAV-Werten liegt, nicht als angemessen gewertet werden wird. Aber auch eine kleinere Absenkung kann ja erstens zu Rückzahlungen des Jobcenters führen, und außerdem wird es in allen Fällen, in denen die WAV-Werte nur gering überschritten wurden, zu prüfen sein, ob nun nicht erstmal wieder Angemessenheit vorliegt. Und das ist schließlich z.B. auch wichtig, um eine Betriebs- oder Heizkostenforderung der VermieterIn vom Jobcenter einfordern zu können.

Das Aktenzeichen, auf dass man sich bei solchen Widersprüchen und Überprüfungsanträgen berufen sollte, lautet

S 37 AS 30006/12
(Urteil vom 22. Februar 2013)

Mittwoch, 6. März 2013

Ende der Mitte-Losigkeit

Einige Jahre nach dem Ende der Beratungen im Pfefferwerk hat der Hartzer Roller endlich wieder eine Dependance im Hauptstadtbezirk!

Ab April finden jeweils am 4. Donnerstag im Monat termingebundene Beratungen im Schokoladen in der Ackerstraße statt. Ich freue mich sehr darauf, weil dadurch auch die Menschen in den mittigeren und nördlichen Bezirken wieder einen näheren und sehr gut zu erreichenden Beratungsort bekommen (U 8, Rosenthaler Platz). Aber auch, weil der Schokoladen mich sehr herzlich aufgenommen hat und die vielen BewohnerInnen und KünstlerInnen, die dort leben und arbeiten, sich offenbar richtig freuen, dass diese schon länger angedachte Zusammenarbeit jetzt wirklich zustande gekommen ist.

Wo Neues entsteht, muss natürlich Altes weichen, und konkret ist das Alte in diesem Fall die Beratung im Kreuzberger Stadtteilzentrum. Aufgrund der wöchentlichen offenen Beratungen im Südblock und der einmal im Monat stattfindenden "Sprechstunde Dr. Hartz" auf dem Nachtflohmarkt im SO 36 ist Kreuzberg aber ausreichend mit Beratungsterminen versorgt, was den Umzug nach Mitte leicht macht. Außerdem kann ich im Schokoladen wie sonst auch 5 Beratungen anbieten, was im Stadtteilzentrum wegen der Öffnungszeiten nicht möglich war. Es gibt also auch noch eine Beratung mehr pro Monat:)

Erster Beratungstermin im Schokoladen ist der 25. April. Die Beratungen finden dort dann immer zwischen 12 und 16 Uhr statt. Termine hierfür wie für alle termingebundenen Beratungen können über die (030) 422 53 49 telefonisch vereinbart werden.

In diesem Sinne - auf nach Mitte!