Sonntag, 25. September 2016

Armut sticht!

Im Lexikon der Traumdeutung finden wir zum Thema "Portemonnaie" folgende psychologische Abhandlung:

Mit den Inhalten unseres Portemonnaies verbinden wir immer auch einen Teil unserer Identität. Das Traumsymbol kann unsere Persönlichkeit repräsentieren und den Fokus auf unser Streben und unsere Ängste legen. Erlebt man wiederholt in seinen Träumen, wie man das Portemonnaie verliert, spiegelt dies möglicherweise einen befürchteten Identitätsverlust des Träumenden. Auch Ängste vor dem Verlieren der existentiellen Sicherheit können sich durch Erscheinen dieser Traumsituation zeigen. Manchmal kann uns durch dieses Traumsymbol auch erst bewusst werden, wie sehr wir Verluste im zwischenmenschlichen Bereich fürchten. Wird das Portemonnaie im Traum gestohlen, sollte man sehr genau hinschauen, wen man wirklich als Freund in sein Leben hinein lässt, ansonsten könnte man durch die eigene Gutgläubigkeit schmerzhaft enttäuscht werden.
Blickt der Träumende in ein leeres Portemonnaie, mangelt es ihm derzeit an Willensstärke, die er jedoch zum Umsetzen seiner Pläne unbedingt wieder festigen sollte. Auch ein Verlust der Empfindungsfähigkeit kann sich hierdurch zeigen. Ein Gefühlsverlust entsteht häufig durch emotional überfordernde Situationen. Dies sollte der Träumende einmal überdenken, denn auch das Miteinbeziehen der persönlichen Lebenssituation ist für die individuelle Traumanalyse sehr entscheidend.

In Wirklichkeit hat das Ministerium der Andrea Nahles zum gleichen Thema ausnahmsweise etwas Erfreuliches beschlossen. Es geht hierbei um die "Zwangsverrentung" mit 63. Die gute Änderung besteht darin, dass der Zwang zur Rente nicht nur dann ausbleiben soll, wenn man noch einen sozialversicherungspflichtigen Job ausübt oder in Folge eines gerade verlorenen solchen Alg I bezieht, sondern auch immer dann, wenn die durch Abschläge geminderte Rente nicht bedarfsdeckend wäre.

Das ist in der Tat eine große Erleichterung für die meisten, da es ja heute eh nur noch selten Renten gibt, von denen man seinen sozialhilferechtlichen Bedarf decken kann. Besondere Bedeutung bekommt diese neue Auslegung für all diejenigen, die beim Übergang in die verfrühte Altersrente und dem damit verbundenen Wechsel des Sozialleistungsträgers massive Verschlechterungen hinnehmen mussten.

Wer nämlich als RentnerIn vor dem gesetzlichen Renteneintrittsalter beim Sozialamt auf der Matte steht und dort die Ergänzung zur mickrigen Altersrente beantragt, hat von heute auf morgen seine unter Umständen vorher beim Jobcenter voll ausgereizten Schonvermögensgrenzen verloren, was dazu führt, dass die private Altersvorsorge erstmal aufgebraucht werden muss, bevor es überhaupt Sozialhilfe gibt. Dazu ist in der Sozialhilfe, die hier fällig wäre, bis nach dem gesetzlichen Renteneintrittsalter die Grundsicherung greift, der "Rückgriff auf Verwandte ersten Grades", also die unterhaltsmäßige Inanspruchnahme von Eltern und Kindern möglich.

Insbesondere der zweite Punkt ist vielen nicht bewusst, kann aber zu unschönen Situationen führen, weil es fast allen Betroffenen zumindest unangenehm ist, wenn engste Verwandte sich finanziell entblößen müssen, um über ihre Unterhaltspflicht urteilen zu können. Nicht selten sind die Familienverhältnisse auch zerrüttet, was bislang zu einem von vielen als peinlich empfundenen Verfahren führte, in dem man sich auf eine "atypische" Belastung berufen und erklären musste, warum Verwandte nicht kontaktiert werden sollen. Dieser Ausgang war dann auch keineswegs garantiert.

Kurzum - die neue Regelung, die just hier veröffentlicht wurde, entschärft die Situation. Allerdings muss man auch anmerken, dass gerade für diejenigen, die eine höhere Rente haben könnten, der oben genannte Effekt unwirksam bleibt. Das Sozialamt kann da zwar nicht zugreifen, weil ja keine Hilfebedürftigkeit eintritt, aber die Rentenabschläge bei Eintritt in die Rente mit 63 sind dann eine wirkliche Realkürzung.